Online wird Tourismusmarketing immer intelligenter: Systeme analysieren Daten, erkennen Interessen und wählen passende Angebote aus. Doch sobald eine Kundin durch die Innenstadt läuft und vor einem Reisebüro steht, endet diese Intelligenz häufig abrupt. Im Schaufenster läuft noch immer die Playlist. Das ändert sich gerade.
Eine Kundin interessiert sich online für Ägypten. Sie sucht nach Flügen, liest Hotelbewertungen, sieht Reisevideos und fragt vielleicht eine KI, welches Reiseziel im Herbst zu ihr passt. Die Systeme registrieren Signale, erkennen Interessen und können daraus den nächsten passenden Impuls ableiten.
Zwei Tage später läuft dieselbe Kundin an einem Reisebüro vorbei. Im Schaufenster sieht sie Mallorca.
Nicht, weil Mallorca gerade besonders relevant ist. Nicht, weil das Wetter umschlägt oder von einem nahegelegenen Flughafen außergewöhnlich attraktive Verbindungen verfügbar sind. Sondern weil Mallorca in der Playlist steht.
Hier liegt eine der bislang kaum erschlossenen Schnittstellen zwischen künstlicher Intelligenz und stationärem Tourismusvertrieb.
Die nächste Stufe ist nicht Content, sondern Entscheidung
Die erste große KI-Welle im Marketing drehte sich um die Erstellung von Inhalten. Texte, Bilder, Newsletter, Social-Media-Posts und Varianten von Werbemitteln lassen sich heute erheblich schneller produzieren. Das spart Zeit und senkt Aufwand.
Die wesentlich größere Veränderung beginnt jedoch dort, wo KI Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführt und daraus eine Entscheidung ableitet:
Welcher Impuls ist an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt am relevantesten?
Gerade die Touristik bietet dafür außergewöhnlich viele Signale. Preise und Verfügbarkeiten verändern sich, Schulferien beginnen, das Wetter kippt, bestimmte Flughäfen bieten attraktive Verbindungen und Reiseziele gewinnen saisonal an Relevanz. Gleichzeitig liefern touristische Systeme Informationen über Produkte, Nachfrage und Kundeninteressen.
Die Daten sind also vielfach bereits vorhanden. Ebenso die Angebote und die digitalen Ausgabekanäle. Was häufig fehlt, ist die intelligente Verbindung dazwischen.
Damit verändert sich auch die Aufgabe eines Digital-Signage-Systems. Bisher lautet die zentrale Frage: Welcher Inhalt soll wann auf welchem Bildschirm laufen?
Künftig kommt eine wesentlich wichtigere Frage hinzu: Warum soll dieser Inhalt gerade jetzt auf diesem Bildschirm laufen – und nicht ein anderer?
Playlist, Zeitplanung, Medienverwaltung, Screen-Gruppen und zuverlässige Player bleiben dafür notwendig. Aber sie werden zur Infrastruktur. Der eigentliche Mehrwert entsteht eine Ebene darüber: bei der Entscheidung.
Die Touristik baut diese Entscheidungsebene bereits auf
Dass datenbasierte Kundenaktivierung im Reisevertrieb an Bedeutung gewinnt, ist längst sichtbar.
Schmetterling International stellte im Mai 2026 eine Agentic-AI-Lösung für Reisebüros vor. Sie verbindet bestehende Systeme stärker miteinander, nutzt vorhandene Kundendaten und soll selbstlernende Kundenprofile sowie gezieltere Kundenansprachen ermöglichen. Schmetterling beschreibt das Ziel ausdrücklich als datengetriebene Aktivierung vorhandener Kundenpotenziale. [1]
Mit Kira, angekündigt als verfügbar ab dem 1. Oktober 2026, baut Schmetterling diese Richtung weiter aus. Zum angekündigten Leistungsumfang gehören unter anderem Kundenkategorisierung mit Agentic AI, kundenspezifische Angebots-E-Mails, automatisierte Pre- und Post-Trip-Kommunikation, Newsletter, Social Media sowie ein Performance- und KI-Dashboard. [2]
Auch DERTOUR Reisebüro arbeitet daran, digitale und persönliche Customer Journey enger miteinander zu verbinden. Im Mai 2026 berichtete Reise vor9 über einen seit Februar laufenden Test in rund 100 Filialen. Digitale Kontaktgenerierung, WhatsApp, KI-gestützte Angebotsauswahl und das von DERTOUR entwickelte System Easy Offer sollten Beratung und Angebotserstellung stärker miteinander verzahnen. Zum damaligen Zeitpunkt war eine schrittweise Ausweitung auf weitere Filialen angekündigt. [3]
Die finale Entscheidung soll dabei bewusst bei den Reiseexpertinnen und Reiseexperten bleiben. KI unterstützt bei Datenerfassung und Vorauswahl – Beratung bleibt persönlich. Das ist ein wichtiger Punkt: Künstliche Intelligenz muss den stationären Vertrieb nicht ersetzen. Sie kann vielmehr dafür sorgen, dass seine Stärken im richtigen Moment sichtbar werden.
Dass Customer Experience inzwischen entsprechend hoch aufgehängt wird, zeigt auch die Organisation von DERTOUR Deutschland. Matthias Lange ist Chief Marketing & Customer Experience Officer und Mitglied der Geschäftsführung von DERTOUR Deutschland. Seine Berufung in die Geschäftsführung wurde 2025 ausdrücklich mit einer stärkeren Kundenorientierung begründet. [4]
Am 15. September 2026 diskutiert Lange beim fvw|TravelTalk Kongress gemeinsam mit Christian Bärwind von TUI und Susan Schramm von Motel One unter dem Titel „Vom Algorithmus zum Erlebnis: Customer Experience in Zeiten von Hyper-Personalisierung und KI.“ [5]
Die Entwicklung ist damit größer als ein einzelnes Produkt von Schmetterling oder DERTOUR. Die Branche beginnt, eine intelligente Entscheidungsebene zwischen Daten, Angebot und Kundenansprache aufzubauen. Doch ein wichtiger Touchpoint bleibt dabei noch weitgehend unerschlossen.
Die physische Customer Journey
Online existieren bereits zahlreiche Möglichkeiten, aus einer Entscheidung eine Aktion zu machen. Eine Website verändert Inhalte, Newsletter werden segmentiert, CRM-Systeme lösen Kommunikation aus und digitale Angebotsbereiche stellen passende Reisen zusammen.
Im stationären Vertrieb gibt es einen weiteren hochinteressanten Kontaktpunkt: das Schaufenster. Es erreicht Menschen ohne vorherigen Klick, ohne App, ohne Newsletter-Anmeldung und ohne aktive Suche – unmittelbar im öffentlichen Raum.
Trotzdem wird dieser Touchpoint bislang überwiegend nach den Regeln klassischer Werbung gesteuert: Content auswählen, Playlist erstellen, Zeitraum festlegen, ausspielen.
Digital Signage hat damit zunächst Papier digitalisiert. Ein gedrucktes Angebot wird zum digitalen Angebot, der manuelle Wechsel entfällt und Inhalte lassen sich zentral aktualisieren. Das ist bereits ein großer Effizienzgewinn.
Die nächste Entwicklungsstufe geht darüber hinaus. Ein Bildschirm in Duisburg muss nicht dasselbe zeigen wie ein Bildschirm in München, Hamburg oder Leipzig. Andere Flughäfen sind relevant, Ferienzeiten unterscheiden sich, lokale Ereignisse und Wetterlagen sind verschieden und auch Nachfrage sowie verfügbare Angebote können regional variieren.
Der Standort selbst wird damit zu einem Datensignal.
Warum heute ausgerechnet Hurghada?
Nehmen wir ein Reisebüro im westlichen Ruhrgebiet. Das System kennt seinen Standort und kann daraus relevante Abflughäfen ableiten. Düsseldorf liegt nahe. Gleichzeitig stehen in Nordrhein-Westfalen Ferien oder ein verlängertes Wochenende bevor und die Wetterprognose kündigt mehrere graue, regnerische Tage an.
Touristische Datenquellen liefern parallel aktuelle Angebote. Für Hurghada gibt es attraktive Verfügbarkeiten ab Düsseldorf, während das Zielgebiet Sonne und hohe Temperaturen verspricht.
Heute liegen diese Informationen meist in unterschiedlichen Systemen. Ein Mitarbeiter müsste Zusammenhänge herstellen, Angebote suchen, Preise prüfen, Content auswählen und anschließend die Ausspielung verändern.
Eine KI-Entscheidungsebene kann dieselben Signale zusammenführen und beispielsweise zu folgendem Ergebnis kommen:
Standort Ruhrgebiet + Abflug Düsseldorf + schlechtes lokales Wetter + geeigneter Reisezeitraum + attraktives Sonnenziel = Hurghada erhält für diesen Standort aktuell eine höhere Relevanz.
Der entscheidende Unterschied ist nicht, dass KI ein neues Reiseangebot erfindet. Sie entscheidet, welches vorhandene Angebot jetzt relevant ist.
Der Screen zeigt Hurghada dann nicht, weil jemand das Motiv am Montag in eine Wochenplaylist gelegt hat, sondern weil die aktuelle Situation für dieses Angebot spricht. Das ist der Wechsel von programmierter zu kontextbezogener Ausspielung.
Das Zielbild für montis
An dieser Stelle liegt die strategische Entwicklungsrichtung von montis.
montis verbindet heute Content mit digitalen Screens und ermöglicht deren zentrale Ausspielung. Unser Ziel ist, diese Infrastruktur schrittweise um eine intelligente Entscheidungsebene zu ergänzen.
Das Zielbild lässt sich auf eine einfache Kette reduzieren:
Datenquellen → KI-Entscheidungsebene → montis → Screen → Interaktion → Daten zurück
Die Datenquellen liefern den Kontext. Dazu gehören perspektivisch touristische Angebotsdaten, Preise und Verfügbarkeiten ebenso wie Standort, Wetter, Ferien, Saison, Abflughäfen oder weitere relevante Signale.
Die KI-Entscheidungsebene – der AI Decision Layer – bewertet diese Informationen. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, möglichst viel Content zu erzeugen, sondern Relevanz herzustellen: Welcher vorhandene Inhalt sollte an welchem Standort aktuell bevorzugt werden?
montis übernimmt anschließend die operative Ausspielung. Aus einer Entscheidung muss zuverlässig Content auf dem richtigen Screen werden.
Der Screen bringt die digitale Entscheidung in die physische Welt. Dort darf die Kette jedoch nicht enden: QR-Codes, Landingpages oder andere Interaktionen können aus Aufmerksamkeit eine messbare Reaktion machen. Diese Reaktionen liefern wiederum Signale für zukünftige Entscheidungen.
So entsteht ein Kreislauf: Daten → Entscheidung → Ausspielung → Interaktion → neue Daten.
Das ist die Richtung, in die wir montis entwickeln wollen. Es ist ausdrücklich nicht die Beschreibung eines heute bereits vollständig vorhandenen KI-Produkts. Es ist unser Zielbild.
Was dafür tatsächlich gelöst werden muss
Eine solche Architektur wird nur relevant, wenn sie technisch und wirtschaftlich funktioniert. Es reicht nicht, „KI“ auf ein Digital-Signage-System zu schreiben.
Die erste Voraussetzung sind saubere Schnittstellen. Angebotsdaten müssen strukturiert zur Verfügung stehen. Veranstalter, Reservierungs- und Beratungssysteme sowie andere touristische Datenquellen müssen Informationen liefern können, ohne dass Reisebüros dieselben Inhalte zusätzlich manuell pflegen.
Die zweite Voraussetzung ist Datenqualität. Eine intelligente Entscheidung kann nur so gut sein wie ihre Grundlage. Preise müssen aktuell sein, Verfügbarkeiten stimmen und externe Informationen zuverlässig verarbeitet werden.
Die dritte Voraussetzung ist eine klare Trennung zwischen standortbezogenen und personenbezogenen Daten. Für viele Szenarien muss überhaupt nicht bekannt sein, wer gerade vor einem Bildschirm steht. Standort, Wetter, Ferien, relevanter Flughafen, Uhrzeit und verfügbare Angebote ermöglichen bereits eine erhebliche Kontextualisierung, ohne Personen im öffentlichen Raum identifizieren zu müssen.
Wo personenbezogene Daten einbezogen werden, steigen entsprechend die Anforderungen an Datenschutz, Einwilligung und Systemarchitektur.
Vor allem aber gilt eine ganz praktische Voraussetzung: Für das Reisebüro darf daraus keine zusätzliche Arbeit entstehen.
Ein intelligentes Schaufenster, das jeden Morgen manuell gepflegt werden muss, hat sein Ziel verfehlt. Die Intelligenz muss aus den bestehenden Systemen und verfügbaren Daten entstehen – nicht aus zusätzlichen Aufgaben am Counter.
Für Reisende gibt es ohnehin kein Online und Offline
Eine Kundin sieht ein Reiseziel auf Instagram, recherchiert anschließend bei Google, spricht mit einer KI, läuft am nächsten Tag an einem Reisebüro vorbei, scannt dort einen QR-Code, öffnet das Angebot auf ihrem Smartphone und vereinbart über WhatsApp einen Beratungstermin.
Für die beteiligten Systeme sind das unterschiedliche Kanäle. Für die Kundin ist es eine einzige Entscheidung: Wohin fahre ich in den Urlaub?
Deshalb verliert auch die klassische Trennung zwischen Online-Marketing und stationärem Marketing an Bedeutung. Entscheidend sind die Touchpoints – und wie intelligent sie miteinander verbunden werden.
KI kann dabei die Entscheidungsebene bilden. Reiseberaterinnen und Reiseberater übernehmen dort, wo Erfahrung, Vertrauen, Empathie und komplexe Entscheidungen gefragt sind. montis kann die Verbindung zur physischen Welt herstellen.
Die letzte Meile der KI ist die reale Welt
Die vielleicht größte Chance künstlicher Intelligenz im Tourismusmarketing liegt deshalb nicht darin, noch mehr Werbung zu produzieren.
Es geht darum, vorhandene Daten besser zu nutzen, weniger beliebige und dafür relevantere Impulse zu setzen und die Intelligenz, die Websites, CRM-Systeme und digitale Vertriebskanäle bereits verändert, auch in die physische Customer Journey zu bringen.
Die letzte Meile der KI ist die reale Welt.
Dort wollen wir mit montis ansetzen. Heute schaffen wir die Verbindung zwischen Content und Screen. Das Ziel für die nächste Entwicklungsstufe ist die Verbindung zwischen Daten, intelligenter Entscheidung, Screen und messbarer Interaktion.
Für 2027 suchen wir Reisebüros, Veranstalter, Kooperationen und Technologiepartner, die diese Idee gemeinsam mit uns in konkreten Pilotprojekten erproben wollen.
Denn das intelligente Schaufenster entsteht nicht dadurch, dass man einen Bildschirm aufhängt. Es entsteht, wenn der Bildschirm weiß, was jetzt relevant ist.
Quellen
- Schmetterling International GmbH & Co. KG: „1000 E-Mails zum Live-Gang: Schmetterling startet branchenweit erste Agentic AI-Lösung für Reisebüros“, 28. Mai 2026. Quelle öffnen
- Schmetterling International GmbH & Co. KG: „Kira – Unsere Antwort auf die Online-Konkurrenz“, Produktseite; abgerufen am 3. September 2026. Quelle öffnen
- Reise vor9: „Dertour-Reisebüros verzahnen KI und Beratung“, 5. Mai 2026. Quelle öffnen
- DERTOUR Group: „DERTOUR Deutschland erweitert Geschäftsführung für noch mehr Kundenorientierung“, 30. Juni 2025. Quelle öffnen
- dfv Conference Group / fvw|TravelTalk Kongress: Programm 15./16. September 2026, Programmpunkt „Vom Algorithmus zum Erlebnis: Customer Experience in Zeiten von Hyper-Personalisierung und KI“, abgerufen am 3. September 2026. Quelle öffnen




